JAM: August 2001  
















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INTERVIEW: DAS JÜDISCHE LEBEN IN DER ZEIT DES NATIONAL SOZIALISMUS (WDH) nadja: 2000-07-15

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Interview mit einer Jüdin, die die schreckliche Zeit des Nationalsozialismus überlebt hat.


Interview zum Thema: Das jüdische Leben in der Zeit des Nationalsozialismus

Interview mit einer Jüdin, die die schreckliche Zeit des Nationalsozialismus überlebt hat.

Wie alt waren Sie, als Hitler an die Macht kam?
Ich war 18 Jahre alt.

In welchem Dorf/Stadt lebten Sie damals?
Ich lebte mit meinen Eltern in Speyer.

Lebte zu dieser Zeit der Großteil Ihrer Verwandten auch in Deutschland?
Alle Geschwister meines Vaters lebten in Speyer, der einzige Bruder meiner Mutter lebte Holland.

Inwieweit war Ihr persönlicher Tagesablauf von den politischen Ereignissen geprägt?
Im letzten Schuljahr vor dem Abitur kam der Dozent der deutschen Sprache in SA Uniform in die Klasse, die Aufsätze trugen Themen wie "Der Hitlerjunge Quex", von dem ich nichts wußte. Die jungen Schülerinnen und Schüler mit denen ich zwei Jahre lang im Zug von Speyer nach Mannheim gereist war, machten plötzlich antisemitistische Bemerkungen und die einzige Möglichkeit doch noch das Abitur zu machen war, während der Woche in Mannheim zu bleiben. Nach dem Abitur, am Tag vor der Verteilung der Zeugnisse, teilte mir der Direktor der Schule mit, dass ich das Abitur wohl bestanden hatte, ich war die beste Schülerin der Klasse gewesen, dass ich aber als Jüdin, gemäß der neuen Gestze, nicht an einer deutschen Universität zugelassen würde. Wohl sei mein Vater im ersten Weltkrieg Soldat gewesen, da er aber nicht gefallen ist, könne ich mich nicht auf eine Ausnahme berufen. Mein Wunsch Jura zu studieren war also durch Hitler´s Gesetz unmöglich geworden.

War ein normales Leben überhaupt denkbar?
Ein normales Leben war nicht möglich, da sehr bald durch die Nürnberger Gesetze jeder Kontakt mit Nichtjuden, jeder Kino-, Theater-, Konzertbesuch verboten war. Das Betreten von nichtjüdischen Geschäften war für Juden verboten, und die jüdischen Geschäfte durften bald nicht mehr von Nichtjuden betreten werden. Sie konnten bald nicht mehr existieren und wurden zu viel zu billigen Preisen verkauft.

Wie wurden Sie von Bekannten, Nachbarn, Fremden behandelt?
Gute, nichtjüdische Freunde meiner Eltern blieben ihnen treu, aber es gab genug gute Bürger, die lieber dem Juden aus dem Weg gingen.

Ab wann wußte man von den Konzentrationslagern?
Wer Hitler´s "Mein Kampf" gelesen hatte, war schon orientiert über seine Pläne, aber wer glaubte schon, dass dies möglich sei, im 20sten Jahrhundert, ein Volk von Dichtern!!? Im Ausland wußte man eventuell mehr, aber der liebe Frieden war wichtiger als das Leben der Juden. Wer übrigens die Marschlieder der Hitlerjugend und der SS hörte, u.a. "Wenn´s Judenblut am Messer spritzt, geht´s noch einmal so gut", der brauchte sich keine Illusionen zu machen.

Haben Sie Verwandte und Freunde in diesem Krieg verloren?
Ich habe viele Verwandte im Krieg verloren. Meine Schwiegereltern und eine Schwester meines Mannes wurden deportiert und meine Schwiegermutter und Schwägerin wurden vergast, ebenso wie eine Schwester und ein Bruder mit Familie meines Vaters. Vettern und Cousinen, Tanten, alle verschwanden in Auschwitz und fanden den Tod durch Gas (geliefert von IG Farben).

Sind Verwandte /Bekannte/Freunde rechzeitig aus Deutschland geflohen?
Meine Eltern, meine Schwester und einige Verwandte sind rechtzeitig aus Deutschland geflohen. Da meine Schwiegereltern und eine Schwester meines Mannes nach der Kristallnacht nach Holland, zu uns, geflüchtet sind, konnten wir absolut nicht Holland verlassen. Wir konnten auch nicht versuchen unter zu tauchen. Wir konnten sie nicht im Stich lassen, retten konnten wir sie aber nicht, sie wurden deportiert und kamen nicht mehr zurück, verschwanden in den Gaskammern.

Hatten Sie die Möglichkeit Ihre Religion weiter zu praktizieren?
Es war natürlich in den Konzentrationslagern nicht möglich unsere Religion zu praktizieren, das bißchen Essen war nicht rituell für Juden, aber man musste alles essen, um zu probieren, das nackte Leben zu retten. Die Synagogen wurden übrigens in Holland und in anderen besetzten Gebieten nicht, wie in Deutschland, vernichtet. Heimlich haben wir wohl versucht, an hohen Feiertagen Gebetsdienste zu halten.

Wie denken Sie heute über diesen Krieg? Würden Sie etwas anders machen?
Der 2. Weltkrieg hat ungeheuer viele Opfer an Menschenleben gekostet, aber der Rassenwahnsinn Hitler´s kostete das Leben von 6 Millionen Juden und hat die meisten der Überlebenden für ihr ganzes Leben gezeichnet.
Unter den gleichen Umständen wie 1940-45 würden wir wahrscheinlich das selbe tun, aber die Umstände sind meistens nicht die gleichen.

Wieso glauben Sie, war die ganze Nation so begeistert von Hitler und hat ihm blind vertraut und das alles unterstützt? Nur aus Angst?
Eine Nation wie Deutschland lag nach dem Versailler Vertrag am Abgrund: Enorme Arbeitslosigkeit, Zukunftsaussichten hoffnungslos, Angst vor dem Kommunismus, last but not least, der Sündenbock für alles Elend ist da, die Juden. Es war demnach eine leichte Aufgabe für Hitler, das Volk für sich zu gewinnen, zu verlieren hatten sie ja nichts mehr. Unterstützt durch die Großindustrie konnte er eine Parteiprogramm aufstellen, mit Arbeitsplätzen für jeden: die Juden verlieren ihre Arbeitsplätze, die Arier nehmen sie ein. Unter den Augen der eingeschlafenen Alliierten führte er einen Aufrüstungsplan aus, der Dank der finanziellen Hilfe der Großindustrie enorm viele Arbeitsplätze schafft. Die Kleidungsindustrie verdient an den Uniformen der SS, der Hitlerjugend und BDM. Bei dem Parteikongress in Nürnberg 1935 legalisiert er durch die Nürnberger Gesetze die vollständige Entrechtung der Juden. Mit einem Siegesmarsch besetzen die Nazitruppen Westeuropa. Sofort werden in allen besetzen Ländern die Judengesetze eingeführt und ab 1942, nach der Wannseekonferenz, beginnen die Transporte der Juden in Viehwagen nach Auschwitz zur Vernichtung. Die Endlösung der Judenfrage.
Ich glaube, dass mit den Riesenerfolgen Hitler´s die meisten Deutschen begeistert waren. Sie marschierten mit, wurden, meistens ohne Hemmungen, Mitglied in der Nationalsozialistischen Juristenvereinigung, der Ärztekammer, der Studentenvereinigung arischer Studenten, sie schickten mit kleinen Ausnahmen ihre Kinder zu BDM und Hitlerjugend. In den Konzentrationslagern schwang die SS mit unglaublichem Sadismus das Szepter. Ob wohl mancher Oberscharführer auf Urlaub, als guter Familienvater unter dem Weihnachtsbaum sitzend, an seine Schlachtopfer dachte? Er konnte unter dem Deckmantel "Befehl ist Befehl" sein Gewissen beruhigen. In den Experimenten- Baracken von Auschwitz wurden die schrecklichsten Experimente, u.a. an Kindern, unschuldigen Kindern, ausgeführt. Sollten die Ausführenden und Handlanger von Dr. Mengele je an ihre eigenen Kinder gedacht haben? Wir haben in Bergen Belsen in Eiseskälte Stunden, selbst tagelang auf Appell gestanden, mit unseren Kindern, das rührte die SS nicht.
Mit dem Einmarsch in Russland, nach zunächst großen Erfolgen, begann das Kriegsglück Hitler´s zu kehren. Aber beinahe bis zum Ende des Krieges gingen unvermindert die Transporte der Juden in die Gaskammer durch. Ich glaube wohl, dass die Deutschen Angst bekamen, vor der diktatorischen Herrschaft, vor dem Zwang der Kriegsführung im Osten. Ein Aufstand von Stauffenberg cum suis in 1944 kam zu spät, wurde grausam bestraft. Jetzt war es schon besser, wenn man sagen konnte, man hat nichts gewusst, und das auch nach dem Krieg behauptet.

Sehen Sie eine Gefahr, dass soetwas noch einmal passieren könnte?
Zu jeder Zeit ist eine Diktatur verderblich und sie wird verstärkt durch den blinden Gehorsam. Jedenfalls könnte wieder ein Diktator aufstehen und durch passives Verhalten der Umwelt seine Macht ausbreiten.

Wieso glauben Sie, wurden in erster Linie die Juden verfolgt?
Die Juden waren immer der Sündenbock, die Kirchen haben dabei viel Einfluss gehabt. Die Juden als Mörder von Jesus, die sich nicht zum Christentum bekehrten, die lieber auf dem Scheiterhaufen starben als ihre Religion zu verleugnen. Der Staat Isreal gibt uns allerdings Hoffnung, dass wir nicht mehr wehrlos sind.

Ich möchte mich an dieser Stelle sehr herzlich bei der Dame bedanken, die mir alle Fragen bereitwillig beantwortet hat. Vielen Dank für ihre Mitarbeit, die es mir ermöglicht hat, unseren Lesern ein so sensibles Thema etwas näher zu bringen.



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