JAM: August 2001  
















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REPORTAGE: PERESEHAN - KAMPF UND TANZ AUF LOMBOK frank schulz: 2001-07-28

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Ampenang ist eine der größten Städte auf der indonesischen Insel Lombok. Einige Tage verbrachten wir auf dem Markt, um von den Bauern der umliegenden Dörfern zu erfahren, ob es möglich ist einem traditionellen Stockkampf, dem PERESEHAN beizuwohnen.


Anmerkung der Redaktion: Dieser Reisebericht wurde der Homepage von Frank Schulz entnommen. Ich bin froh das Frank mir sein Einverständnis gab diesen Artikel im !MARCS zu veröffentlichen; normalerweise sind seine Artikel und Bilderreportagen zum Verkauf bestimmt.


Wir lernten den Indonesier Putri kennen , der versuchen wollte uns eine Einladung zu organisieren.
Etwas außer Atem, aber grinsend, kommt er auf uns zugelaufen. ”tidak apa -apa!” (kein Problem), es klappt.
Wir sind dabei.
Es ist vier Uhr mittags, die Hitze des Tages legt sich. Frank, Ethnologenkollege und Malayologe aus Köln bespricht mit Putri wie wir am besten die Arena des Peresehan in einen kleinen Dorf unweit der Stadt erreichen.
Die Stockkämpfe zu denen wir eingeladen wurden, sind für Einheimische bestimmt und keine der weit verbreiteten Touristendarbietungen.
Was kann einen Ethnologiestudenten mehr erfreuen?

Der Ort des Spektakels liegt etwas ab vom Schuss und ist laut unserem indonesischen Freunde wohl am besten mit einer kleinen Pferdekutsche zu erreichen. Nach kurzer Suche auf dem Markt finden wir einen Bauern, der uns auf seinem Einspänner mitnimmt. Besorgt schauen wir auf das Pferd, welches mit scheinbar letzten Kräften versucht seine PS auf der asphaltierten Straße umzusetzen. Nicht einfach mit beschlagenen Hufen... wir fühlen uns besser, als wir das Gewühl der Stadt hinter uns lassen und unser Pferd auf einer Sandpiste sichtlich müheloser vorwärts kommt. Reisfelder und kleine Ansammlungen von Häusern wechseln einander ab, unter das unbeschreiblich intensive Grün der Landschaft mischt sich langsam das goldene Licht der Abendsonne. Wir hören Musik und Stimmen wie auf einen Rummelplatz und sehen schon kurz darauf ein mit Bambus sichtfest verpacktes Areal von 100x100 Metern. Vor der Arena ist mächtig viel los. Kinder spielen und in den Warungs (Garküchen) brutzelt und duftet allerlei Exotisches. Hunde schwänzeln und schnuppern, hier und da wird musiziert. Wir sind erfreut über die Freundlichkeit der Menschen und glücklich, Plätze in der ersten Reihe zu ergattern. Warum dies kurz vor Beginn der Kämpfe noch möglich war verwundert uns. Erst später sollten wir wissen warum...

Ein Mini Gamelan Orchester mit Flöten und einer kleinen brüllenden PA sowie ein grandioser “Showmaster” fangen an die Stimmung anzuheizen.Die Zuschauer versammeln sich um den Ring, wobei sich kampfwillige (?!?) junge Männer in den Ecken sammeln. Dörfer haben ihre Stammecken, was meistens dazu führt, dass die Kämpfe später im Stile von “Dorf gegen Dorf” stattfinden, inclusive lautstarker Unterstützung der jeweiligen Nachbarn.

Der “Showmaster” sucht nun aus den Ecken Kämpfer heraus, wobei Wert auf eine gleichwertige Kräfteverteilung der Gegner gelegt wird. Wenn einer sich nicht traut oder einfach nicht will, hat der “Showmaster” keinerlei Hemmungen den Jeweiligen über sein Mikro laut und für jedermann gut verständlich als Feigling zu denunzieren - was umgehend mit lautem Gelächter und Anfeuerungen quittiert wird. Das ganze Dorf schaut zu, vielleicht sogar die Angebetete.... wer wird denn also feige sein wollen...

So langsam stellen wir die Qualität unserer Sitzplätze in Frage. Drei Ecken des Ringes sind besetzt und wir sitzen in der Vierten. Putri stellt uns seine Freunde vor. Sie sind alle aus seinen Dorf. Als Ethnologen denken wir zunehmend an die “teilnehmende Beobachtung”, einer Arbeitsweise welche uns an der Uni als sehr effizient nahegelegt wurde. Putris Grinsen erscheint plötzlich weniger unschuldig. Richtig mulmig wird es uns nach den ersten Kämpfen, als wir sehen was die Kämpfer erwartet. Putri erklärt uns die Regeln.

Die Kämpfer tragen Hosen, Oberkörper sind frei, ein Kopftuch und ein geweihtes Band, um die Hüfte gewickelt. Tuch und Band haben mystische Kräfte, welche den Kämpfer schützen.Einen handfesten Schutz gibt es auch in Form eines Schildes aus Holz und Leder. Verliert einer der Kämpfer Tuch oder Band, wird der Kampf sofort unterbrochen. Das Duell findet erst sein Ende, wenn ein Kämpfer aufgibt (passiert selten, das Dorf schaut zu !!) oder blutet. Und dies passiert schnell, denn gekämpft wird mit dünnen Bambusstöcken, die heftige Platzwunden verursachen können. In den Tropen dauert die Heilung mehr als drei Wochen.Viele Kämpfer stehen im Publikum, ihre vernarbten Oberkörper verraten es. Die ärztliche Versorgung besteht aus einer Flasche Jod.

Die eigentliche Faszination geht jedoch von etwas Anderem aus. Vor, während und nach dem Kampf, wenn etwas Luft ist, wird getanzt, d.h. auf “tänzerische” Art und Weise schüchtert man den Gegner ein, neckt ihn. Man hüpft eitel von Bein zu Bein, das Becken wird aufreizend gekreist und die Zunge rausgestreckt. Lächeln ist ebenfalls von großer Bedeutung,denn eine gewisse coolness wird vom versammelten Dorf gerne gesehen.Im Eifer des Gefechtes weicht das Lächeln der Konzentration und Angst vor Hieben spiegelt sich in den Augen der Kämpfer wieder. Wenn es dann voll zur Sache geht, spielt auch die Begrenzung des Ringes keine Rolle mehr.Ehe wir uns versehen, drängt einer der Kämpfer den Anderen in unsere Sitzreihe, wobei munter weitergeprügelt wird und wir respektvoll aber in Eile die Plätze verlassen. Bei dieser Attacke haben beide Kontrahenten Blut verloren, der Kampf ist aus, und bei der Behandlung mit Jod liegen sich Beide lachend in den Armen.Respekt.

Es finden bis nach Sonnenuntergang weitere Kämpfe statt, doch als es an Kämpfern mangelt und der Showmaster uns ins Visir nimmt, machen wir uns mit Putri aus dem Staub. Vor der Arena haben die kleinen Garküchen ihre Lampen entzündet und beim Abendessen erzählt uns Putri, dass die Bambusstöcke einst Schwerter waren und nach fast gleichen Regeln Fehden ausgetragen wurden,von den Ursprüngen des Peresehan. Heute trifft man sich zu einem gesellschaftlichem Ereignis, pflegt die alte Tradition und fördert beim Kampf Konzentration, Selbstdisziplin, Mut und Stärke. Soziales Ansehen spielt auch eine Rolle. Auf dem Rückweg zeigt uns Putri seine Narben und gesteht, dass er uns gerne hätte kämpfen sehen....und grinst.

Wem dieser Artikel von Frank Schulz gefallen hat, der kann diesen und andere mit vielen weiteren Bildern auf der Seite:
frankpaisley.de betrachten.


Vielen Dank nochmal an Dich Frank!
Peace on earth - stay in tune


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