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REPORTAGE: UNTERWEGS IM AUFTRAG DES HERRN mohan: 2001-07-31

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Hinter dieser Überschrift verbirgt sich kein Bericht über die Blues Brothers, ich habe das Zitat nur deswegen gewählt, weil es mir irgendwie passend für den nun folgenden Bericht schien. Worum geht hier also? Wie Ihr ohne große Probleme erraten könnt, hat das ganze wohl was mit Religion zu tun. Richtig in dem nun folgenden Bericht will ich einige meiner Eindrücke von einem Aufenthalt in der Benediktinerabtei St. Matthias in Trier (Kloster auf Zeit) erzählen.


Wie leben denn so die Mönche, was ist wahr an den Klischees, die es so von Klöstern gibt?

Klar das Beten stellt einen zentralen Bestandteil im Leben der Mönche dar und regelt somit den Tagesablauf. Denn nach dem Ordensgründer Benedikt darf nichts dem Gottesdienst vorgezogen werden. Aber es gibt auch noch ein Leben nach dem Gebet und das unterscheidet sich recht wenig von dem anderer Menschen. Die Mönche arbeiten, um den Unterhalt ihres Klosters zu sichern, z.T. als Handwerkern z.T. als Priester.

Abgeschreckt von soviel Religion auf einmal? Keine Angst, ich will Euch nicht konvertieren oder gläubiger machen. Missionieren ist eh nicht so mein Ding, setzt es doch voraus, dass andere Religionen und Weltanschauungen minderwertig sind. Dies aber halte ich für anmassend.


Wie fange ich jetzt an, am besten mal als Märchen. Es war einmal eine kleine Anzeige in der Zeitung mit der Überschrift "Zu Gast in der Abtei". Diese weckte meine Neugier, hatte ich unter anderem die Gelegenheit, mal wieder die Überreste der Römer in Trier zu besichtigen, was ich schon lange mal wieder vor hatte. Ich habe halt ein Faible für alte Steine, das sind wohl teilweise noch Spätfolgen von neun Jahren Lateinunterricht. Desweiteren gab es die Möglichkeit, am Alltagsleben eines Klosters teilzunehmen (Gebetszeiten, Mahlzeiten). Damit war meine Neugier geweckt, Kloster auf Zeit, das faszinierte mich irgendwie. Wie leben denn so die Mönche heute, meist hat man ja so ein Bild von irgendwelchen Betbrüdern, die zurückgezogen von der Welt in ihrem Kloster leben, irgendwie weltfremd eben.

Um das herauszufinden, meldete ich mich an. Das mit dem vielen Beten werde ich wohl überleben, ist eh nur freiwillig. Außerdem finde ich Religionen irgendwie interessant, ohne selbst jetzt besonders fromm (im Sinne der Kirche) zu sein. Christsein heißt für mich nicht jeden Sonntag brav in die Kirche gehen, sondern es im Alltag zu leben. Früher war ich auch jahrelang in der kirchlichen Jugendarbeit tätig. Also mit einer gewissen kirchlichen Erfahrung machte ich mich auf die Reise in die Welt des Klosters. Ach ja das Kloster war St. Matthias in Trier, eine Benediktinerabtei (ja die mit dem ora et labora, also bete und arbeite). Die Abtei besteht seit etwa 1600 Jahren und hat eine schöne romanische Klosterkirche mit eigenwilligen klassizistischen Turmbekrönungen. In ihr liegen die ersten Trierer Bischöfe begraben, noch aus der Römerzeit. Damit gab es also noch eine Verknüpfung zu den alten Römern, deretwegen ich mich zunächst für den Aufenthalt entschieden habe.

Es kam irgendwie anders als zunächst von mir vorgesehen. Eigentlich wollte ich nicht an so vielen Gebeten und Gottesdiensten teilnehmen, aber irgendwie war ich mit Ausnahme des Frühgebets (bin halt doch kein Frühaufsteher) doch in allen. Hier bietet sich jetzt endlich die Anknüpfung zu der interessanten Frage, wie denn Mönche so heute leben. Nichts einfacher als das würde jetzt Pickeldi zu Frederick sagen, hätte er die Frage gestellt. Denn wir nahmen nicht nur an den gemeinsamen Gebeten und Gottesdiensten teil, sondern aßen auch zusammen. Dabei ergaben sich viele interessante Gespräche. Wichtig war mir vor allem, dass die Mönche nicht versuchten, uns zu konvertieren, uns "in den Schoss der heiligen Mutter Kirche zurückzuführen", sofern wir nicht besonders gläubig waren. Bei allem stand der Mensch im Vordergrund, sie haben sich ohne Vorurteile mit uns unterhalten. Und hier bin ich wieder an einem Punkt, was für mich Christsein ausmacht, nicht irgendwelche, teils angestaubten Rituale (z.B. sonntags brav in die Kirche rennen), sondern der Mensch.

Wir konnten wirklich über alles sprechen, Mönche sind halt auch nur normale Menschen, die einfach etwas häufiger beten und im Kloster zusammenleben, wie uns der Gastbruder Matthias erzählte. Die Brüder tragen z.B. ihren Habit (Mönchsgewand) nur zum Gottesdienst, zum Essen und besonderen Anlässen. Und in "Zivil" sieht man ihnen gar nicht an, dass sie im Kloster leben. So ist einer der Mönche Richter am Amtsgericht in Trier, andere arbeiten in der Schreinerei und im Garten. Es gibt aber auch "klassische" Mönche, also solche, die Theologie studiert haben und Priester sind oder sonst im pastoralen Bereich arbeiten. Es war auch ein Mönch darunter, der mit seiner etwas fülligeren Erscheinung so richtig dem Klischee vom Mönch entsprach. Als ich ihm dies sagte, hat er dies locker genommen, wieder ein Beweis, dass man sich mit Mönchen ganz normal unterhalten kann, sie verstehen auch etwas Spass. Dies ist beim Umgang mit mir besonders wichtig, manchmal kann ich ganz schöne ironische Spitzen verteilen.

In einer Welt, in der Menschen durch zu viele und schnelle Neuerungen drohen, entwurzelt zu werden, scheinen mir solche Klöster wie St. Matthias als spirituelle Zentren sehr wichtig. Denn dass Menschen, auch Jugendliche ein Verlangen nach sprituellen Dingen haben, zeigte auch der große Anteil junger Anteil junger Menschen an der Pilgerfahrt zum Apostel Matthias, der in der Abteikirche begraben ist, es war u.a. eine Gruppe Jugendpilger dabei. Ich halte es auch gefährlich, das Verlangen nach spirituellen Dingen aus unserer kalten, materiellen Gesellschaft, in der scheinbar nur Geld zählt, auszublenden. Denn dann können wieder irgendwelche radikalen Rattenfänger diese Lücke ausfüllen und die Menschen für ihre Zwecke missbrauchen. Dies hat in Deutschland ja schon einmal funktioniert, ist aber dann doch ziemlich in die Hose gegangen. Hoffentlich wiederholt sich sowas nicht, einmal hat gereicht, es sind schon genug für irgendwelche Ideologien gestorben.

Jetzt bin ich aber abgeschweift, zurück zu meinem Aufenthalt im Kloster in Trier. Kurz zusammen gefasst der Tagesablauf, die Brüder beten viermal am Tag, dazu treffen sie sich in der Kirche. Die Texte und Lieder sind teilweise in Latein (Gregorianik). Das Frühstück ist in der ersten Hälfte schweigend, in der zweiten kann man sich unterhalten. Beim Mittagessen kann man sich unterhalten, die Gäste mischen sich unter die Mönche. Dabei ergaben sich interessante Gespräche, auch über das Leben im Kloster. Das Abendessen wird schweigend eingenommen. Dabei wird entweder ein Text vorgelesen oder Musik gespielt. Vor allen Mahlzeiten gibt es ein kurzes Gebet. Da das Essen von einem gelernten Koch zubereitet wurde, war es sehr gut und auch optisch ansprechende präsentiert. Zum Mittagessen gab es eine Spezialität des Klosters, Apfelwein aus eigener Herstellung.

Fazit dieses Aufenthalts im Kloster: Vom Leben im Kloster habe ich jetzt ein völlig neues Bild, Mönchtum ist eben auch eine Lebensform wie Familie, Ehe oder Single. Außderdem habe ich in den vier Tagen soviel Gottesdienste und Gebete besucht, wie in den letzten drei Jahren nicht. Ob ich jetzt gläubiger bin als vorher, keine Ahnung. Wichtig war mir jedenfalls, dass hier im Kloster alles freiwillig funktioniert. Die Mönche haben sich dafür entschieden, viermal am Tag zu beten und die Gäste können daran teilnehmen, müssen es aber nicht. Man wird hier nicht schief angeschaut, wenn man keine Lust auf Gebet hat, niemand zwingt einen dazu.

Für alle, die jetzt auch ihre religiöse oder spirituelle Ader entdeckt haben, die Benediktiner in St. Matthias haben den Anschluss an die neue Zeit nicht verschlafen und sind mit einer sehr guten Seite im World Wide Web vertreten: www.abteistmatthias.de.

Reinschauen lohnt sich, keine Angst, Ihr werdet nicht konvertiert und müsst auch nicht beichten, dass Ihr Kirchen am liebsten von außen seht und Euch Kirche sowieso egal ist. Ich habe es auch überstanden, aber es regt eben zum nachdenken über manche Dinge an, die für uns unverzichtbar erscheinen. Da gibt es eben noch etwas als Geld und materielle Dinge in unserer Welt. Auch um mal von der Hektik des Alltags abzuschalten, ist so ein Aufenthalt im Kloster gut geeignet. Man hat mal wieder Zeit für sich. Ich werde jedenfalls wieder für ein paar Tage ins Kloster gehen, der Aufenthalt eröffnet eben den Blick auf das Wesentliche.


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