STUFF: Juni 2002  
















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REPORTAGE: ALLTAG IN DER JUGEND- VOLLZUGSANSTALT SCHIFFERSTADT spilo: 2002-05-28

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"Manchmal könnte man sich danebenstehen und einfach mitheulen..."


Es ist kurz nach 14:00 Uhr. Die Sonne brennt, der Himmel ist blau. Ein ganz normaler Tag könnte man meinen, stünden wir nicht vor einer riesigen weissen Mauer, die ein Gelände eingrenzt, in das man normaler Weise keinen Einblick bekommt.

Wir stehen vor der Jugendvollzugsanstalt Schifferstatt. Ein mulmiges Gefühl trage ich in mir. Ich weiss nicht, was uns erwartet. Unsere Ausweise werden eingesammelt, dann werden wir nach "innen" gebeten. Zwei Tonnen Stahl setzen sich in Bewegung und geben den Weg frei ins Innere der Einrichtung. Hinter uns schliesst sich das riesige Tor sofort wieder, bevor ein weiteres uns endgültig den Weg in die Einrichtung freigibt.

Wir stehen nun mitten drin. Eine freundlich gestaltete Anlage präsentiert uns: übersichtlich gestaltete Wege, kleine Wohneinheiten, rechts ein Sportplatz, auf dem einige Jugendliche Basketball spielen, Bäume, ein grosser Teich.

Doch die Idylle trügt. Wir sind in einem Gefängniss für Jugendliche. Hier bleibt kaum ein Schritt unbewacht. Mehrerer Hundert junge Männer im Durchschnittsalter von 19 Jahren sind hier "zu Hause". Die einen sind in Untersuchungshaft, die anderen sitzen ihre Haftstrafen ab. Die Fenster sind vergittert, ein Stacheldrahtzaun überspannt die fünf Meter hohen Aussenmauern. Deutlich präsentes Wachpersonal sichert die Anlage ab.

"Die Jungs sollen hier was lernen", so unser Begleiter, der seit 30 Jahren in Gefängnissen arbeitet. Seit über 10 Jahren besteht die Einrichtung in Schifferstatt.

Die meisten Jungs kommen aus zerütteten Familien. Die Anstalt soll nicht nur ein Wegsperren sein, sondern den jungen Menschen die Fähigkeit vermitteln, sich "draussen" angemessen zu Verhalten.

Einfache, klare Regeln sind dafür wichtig. Werden sie nicht eingehalten, so folgen klare Konsequenzen.

"Ärger gibt es oft unter den Jugendlichen. Gegenüber dem Wachpersonal herrscht Respekt. Seit auch Frauen im Sicherheitsbereich arbeiten, geht es noch ruhiger zu. Sie lösen Konfliktsituationen auf eine andere Art, wie es ihre Kollegen tun."

Als wir uns unter freiem Himmel unterhalten, rennen plötzlich Sicherheitsbeamte in eine bestimmte Richtung. "Ein ganz normales Verhalten", so werden wir beruhigt. "Es ist wichtig, dass hier gerannt wird, wenn sich was tut. So wissen die Jugendlichen, dass aufgepasst wird und meine Kollegen haben die Sicherheit, dass sie sich aufeinander verlassen können".

Die Jugendlichen, die "lange" in der JVA einsitzen, haben später bessere Chancen, ihr Leben in den Griff zu bekommen. In der Einrichtung können sie ihre Schule abschliessen und eine Ausbildung im Bereich Metall, Holz oder Bau beginnen. Ausserdem ist der Sport eine sehr wichtige Sache... Bis die Jugendlichen jedoch soweit sind, dass sie verstehen, wie das alles funktioniert, vergeht viel Zeit.

"Unser Clientel kommt in einem sehr kritischen Alter zu uns", so unser Betreuer. "Sie befinden sich in einer Phase des Trotzes, so wie jeder andere Jugendliche auch. Das macht es doppelt schwer. Diese Jungs haben es nicht gelernt, dass man sich etwas verdienen muss. Wenn sie ein Auto brauchen, gehen sie nicht dafür arbeiten, sondern nehmen es sich einfach. Das ist hier auf einmal anders. Hier müssen sie sich alles verdienen. Wer nicht arbeitet, bekommt kein Geld. So einfach ist das."

Bargeld gibt es übrigens in der Anstalt nicht und wenn die Jungs Geld "von draussen" bekommen, wird es ihnen zwar gutgeschrieben, jedoch können sie im Vollzug nicht darüber verfügen, sonst wäre das "Verdienprinzip" gestört.

"Für jeden Jugendlichen wird ein speziellen "Rehabilitationsprogramm" erstellt. Wenn ein Junge neu nach Schifferstatt kommt, wird er zuerst genau untersucht. Wichtig ist es, nicht nur die eigentlichen Taten zu kennen, sondern über die Hintergründe bescheid zu wissen, denn da liegen die eigentlichen Probleme".

Die Zellen der Jugendlichen sind in kleinen "Wohngruppen" organisiert. Die Zellen sind bis Abends geöffnet und werden nur Nachts verschlossen. In den "Wohngruppen" gibt es einen Fernsehraum und eine Teeküche. Die eigentlichen Zellen sind sehr schlicht eingetichtet: Ein Bett, ein Tisch und eine Waschzelle mit Klo. Das Fenster ist natürlich vergittert. Ein Problem ist die Überbelegung. Statt In den für 12 Gefangene ausgelegten Wohngruppen sind oft bis zu 18 Jugendliche untergebracht. Aus diesem Grund wurde vor kurzem ein Erweiterungsbau eingeweiht, der 60 zusätzliche Plätze schafft und dieser Entwicklung entgegenwirkt.

"Ein grosses Problem haben wir mit den Drogen. Das Zeug kommt immer irgendwie rein. Entweder wird es in Kondome verpackt und beim Freigang geschluckt oder auch von aussen per Post zugeschickt. Die Post kann nur stichprobenhaft untersucht werden. Wir haben schon ausgehölte "MARS-Riegel" mir Drogen gefunden. Manchmal werden Pakete auch "einfach" über die Mauern geworfen", so erzählt man uns.

Die Kommunikation mir der Aussenwelt ist nur sehr begrenzt möglich. Briefe können geschrieben werden und es gibt Telefon. Diese Dinge werden gut kontrolliert. Internet gibt es garnicht.

Besonders wichtig ist die pädagogische Betreuung der Jugendlichen. Es ist oft schwierig, an sie heranzukommen. Je länger sie in der Anstalt sind, um so eher greifen die Erziehungsmassnahmen. Wichtig ist, dass die Jungs lernen, mit dem Leben und der Gesellschaft umzugehen. "Die Jugendlichen müssen begreifen, dass die Gesellschaft sie so, wie sie draussen waren, nicht will und dass sie sich ändern müssen". Oft kommen Jugendliche nach der Entlassung wieder zurück, da sie draussen wieder in alte Strukturen gelangen und rückfällig werden.

"Das Schicksal mancher Jungs ist so schlimm, da könnte man sich danebenstehen und einfach mitheulen..."


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