STUFF: Mai 2003  
















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GEDANKEN: HEIMAT - EINE "WG" IN EINEM BESETZTEN HAUS. spilo: 2003-05-01

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Es stinkt, alles ist verdreckt und verkommen. Kein Strom, kein Wasser, keine Heizung. Ein Leben, das eher an ein Vegetieren erinnert. Ein Leben, dass es hier in Deutschland gibt. Heute!




Berlin Ost. Es ist Sommer. Draußen ist es um die 30 Grad. Ich sitze hier in einem Zimmer und fragte mich, wie es hier im Winter ist. Es muß kalt sein.

Die Wände sind verschmiert mit Parolen und Anachiezeichen. Überall liegt Dreck. Bierdosen, Flaschen, Papier, Stofffetzen, Zigarettenstummel.

Ein Haus, das schon halb zerfällt. Das Dach ist undicht, die Fenster kaputt. Wasser und Strom gibt es nicht.

Wie kann man hier nur wohnen?

Ich frage mich, wie das ausgehen soll. Auf was habe ich mich nur eingelassen?

Ich wollte wissen, wo die Heimat der Jugendlichen ist, die ich schon über einen Monat lang ehrenamtlich betreue: Strassenkinder in Deutschland. Diese Plätze sind wohl gehütete Geheimnisse. Von außen sehen die Gebäude aus, als wäre man dabei, sie bereits abzureissen. Die unteren Fenster und Türen sind mit Holzbrettern verrammelt. Ich wäre nie auf die Idee gekommen, dass hier jemand wohnt. Nur durch ein kleines Loch gelangt man in das Innere.

Doch das 5 bis 6-stöckige Gebäude ist nicht unbewohnt. Illegal haben sich hier etwa 20 - 30 Jugendliche eingenistet und "wohnen" hier unter übelsten Bedingungen. Hier soll für die nächsten 14 Tage mein Zuhause sein, 14 Tage, die ich nie vergessen werde.

Etwas mulmig ist mir schon, als ich das erste mal durch jenes Loch krieche, alles dunkel dahinter. Gestank kommt mir entgegen. Es stinkt nach Fikalien. Dann geht es in die oberen Stockwerke. Endlich Licht und etwas frische Luft. Es riecht nun verbrannt. Auch nicht besser.

"Da ist dein Zimmer, Spilo". Mario zeigt mir einen kleinen Raum, der nett hergerichtet ist. Der einzigste Raum, der zumindest etwas sauber ist. Ich lege meine Isomatte, meinen Rucksack und Schlafsack ab. "Ich stell dir nun die anderen vor" spricht der 16 jährige Junge.

Die Bewohner sind alle der "Linken Szene" zuzuordnen. Ihr Alter liegt so zwischen 14 und 30 schätze ich. Mädchen und Jungen. Alle haben ihre Probleme: Drogen, Alkohol, Prostitution, Krankheiten. Ich kenne manche von den Jugendlichen aus meiner Arbeit in der Anlaufstelle für "Jugendliche ohne Zuhause". Hier wird mir erstmals bewusst, wie es den Jugendlichen wirklich geht, wenn ich normaler Weise die Anlaufstelle verlasse und entweder in ein Café oder nach Hause gehe. Das "Elend" hört für diese Menschen nicht hinter der Türe unserer Einrichtung auf...

Die kommende Zeit ist hart. Tags über ziehen wir durch die Strassen, bis in die Nacht hinein. Die Polizei und private Security sind unser "Gegner". Gelebt wird vom Schnorren. Andere "besorgen" ihr Geld auf andere Weise: Anschaffen oder Klauen.
Das Leben besteht aus Bier, Drogen und Langeweile.

Nachts zieht man sich dann in die Häuser zurück. So richtig kümmert es niemanden, wie es einem da geht. Eine Nacht torkelt ein vielleicht 17-jähriger Blondschopf im Haus umher und stürzte dabei die Treppe herunter. Aufgewacht vom Poltern und Stöhnen schaue ich, was passiert ist. Ich nehme den stark angetrungenen Jungen mit in mein kleines Zimmer. Er ist ohne Orientierung, zittert am ganzen Leib. Erst nach einigen Stunden schläft er friedlich, wie ein Lamm. Er hat keinen großen Schaden durch den Sturz erlangt, nur ein paar blaue Flecken. Am nächsten Morgen schaut er mich verdutzt an, betrachtet dann seine Verletzungen...



Das Leben der Jugendlichen erinnert eher an ein Vegetieren, als an ein Leben. Ich verstehe die Leute nicht, dass sie dieses Leben wählen. In mir stellt sich die Frage, was passiert sein muss, dass man eine derartige Heimat wählt. Und das alles in Deutschland...

Ich bin froh, als die zwei Wochen rum sind. Ich hätte nicht gedacht, dass ich das überhaupt durchhalte.


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